Buchtipp: „Wenn Maschinen Meinung machen“ – zum Journalismus im digitalen Zeitalter

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Zum Wochenende möchten wir Euch einmal keine App, sondern ein Buch ans Herz legen.

Michael Steinbrecher und Günther Rager haben 15 Journalismus-Studenten und -Studentinnen eine nicht selbstverständliche Chance gegeben: Sie haben Essays von ihnen zur Lage des Journalismus im digitalen Zeitalter publiziert – in einem klassisch gedruckten Buch. Diese Chance wurde hervorragend genutzt.

Generation Internet

Die 15 Texte in Wenn Maschinen Meinungen machen, einem 240 Seiten starken Buch oder eBook/nur 13,99 Euro, stellen vor allem eines dar, nämlich wie die Generation der Anfang bis Mitte 20-Jährigen, die zusammen mit dem Internet aufgewachsen und erwachsen geworden ist, dessen Lage einschätzt und damit in Zukunft bei der journalistischen Arbeit umgehen will.

Alle wählen sie dabei unterschiedliche Perspektiven und zeigen mit verschiedensten Beispielen, Gedankenexperimenten und Urteilen, dass das Problem der Meinungs- und Stimmungsmache im digitalen Raum – wie eigentlich alles im Leben – nicht so eindimensional ist, wie es so vielen scheint.

Nicht alles gut, nicht alles schlecht

Heißt: Es ist nicht alles gut im Netz und auch nicht alles schlecht. Auswertung von Daten führt weder zu ultimativem Fortschritt noch zu Kontrollverlust und Fremdbestimmung durch Firmen, Medien oder Regierungen. Es führt eigentlich nur dazu, dass der Mensch sich bewusst halten muss, was er ist, nämlich ein Mensch und keine Maschine.

Die Essays zeigen sich dementsprechend persönlich, nachdenklich und immer kritisch. Es geht oft um das Überdenken eigener Handlungen im Internet, beim Bestätigen von AGBs, Nutzung von Online-Kochrezepten und auch ganz berufspraktisch beim journalistischen Recherchieren im Netz.

Dabei werden viele Situationen beschrieben, die dem Leser alltäglich vorkommen, aber gerade deshalb in einem neuen Licht erscheinen werden. Aber auch wer selbst Journalismus betreibt – wie ich – oder ihn bewusst liest und seine Entwicklungen verfolgt, liest hier vieles über interessante Recherchefunde.

Wenn Algorithmen für Stimmungsmache sorgen

Um nur auf einen hinzuweisen: Im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit Social Bots, einem der Hauptthemen des Untertitels „Journalismuskrise, Social Bots und der Angriff auf die Demokratie“, diskutiert Anastasia Mehrens wie derartige Algorithmen, die in Kommentarspalten bei Facebook oder auf Twtter für Stimmungsmache sorgen, kontrolliert werden können:

Wenn Bots andere Nutzer beleidigen oder gegen Bevölkerungsgruppen hetzen, verstoßen sie gegen das Gesetz. Bestraft wird dies aber nicht. […] Das würde sich ändern, wenn Facebook und Twitter ihren sozialen Status verlieren und in die Reihe der regulären Medien übergehen würden. Denn auch die kleinste Lokalzeitung muss in Deutschland für die Kommentare ihre Nutzer auf der eigenen Online-Seite geradestehen.

Ein Umstand, der vermutlich noch nicht jedem so recht klar war, ebensowenig wie etwa die Tatsache, dass die Schufa im Rahmen eines Versuchsprojekts Personendaten aus sozialen Netzwerken ausgewertet hat, um daraus deren Bonität zu ermitteln.

Große Collage wichtiger Infos

Die Essays der StudentInnen sind voll von solchen fast beiläufigen Informationssplittern, die sich im Verlauf der Lektüre zu einer großen Collage ausweiten, die darstellt, auf welche Weisen persönliche Daten zu politischen, ideologischen oder sozialen Zwecken ausgewertet werden können.

Wenn im Untertitel auch vom „Angriff auf die Demokratie“ gesprochen wird, zielt dies bei einem 2018 erscheinenden Buchs natürlich primär auf die mutmaßliche digitale Einflussnahme aus dem Ausland auf die US-Wahl 2016 ab. Aber vielfach ist dies nur einer von vielen Ausgangspunkten für persönliche Überlegungen:

Wie kann ich mich im Netz differenzierter informieren? Was kann ich konkret tun? Und wie verhindere ich Lethargie angesichts riesiger Informationsfluten oder Wut angesichts offensichtlicher Hasskommentare?

Interview mit Michael Steinbrecher

Antwortversuche auf diese Fragen stehen genauso im Zentrum der Texte wie das methodische Diskutieren professionellen Journalismus. Somit sind die Essays echte Versuche im Sinne der Textgattung, tastende und Möglichkeiten auslotende Suchen nach richtigen Wegen und falschen Lösungen, geschrieben von jungen Menschen, denen nie der Sinn für neue Möglichkeiten abhanden kommt, gestaltend und nicht zerstörend auf Gesellschaften einzuwirken.

Das macht Mut, auch dem erfahreneren Herausgeber Steinbrecher, der hier im Interview über das Buch noch einiges über das Projekt und sein Thema zu sagen hat.

„Wenn Maschinen Meinung machen. Journalismuskrise, Social Bots und der Angriff auf die Demokratie“. Hg. Michael Steinbrecher und Günther Rager.  Erschienen im Westend Verlag, Frankfurt:

Wenn Maschinen Meinung machen: Journalismuskrise, Social Bots und der Angriff auf die Demokratie
Herausgeber: Westend - Auflage Nr. 1 (01.03.2018) - Taschenbuch: 240 Seiten
18,00 EUR

Als eBook ebenfalls erhältlich:

Wenn Maschinen Meinung machen
Von Michael Steinbrecher & Günth…
eBook: Sozialwissenschaft
Keine Bewertungen
5.9 MB
13,99 €

 

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